Porträt des Projekts Colouring Dübendorf
Von der erfolgreichen Integration komplementärer Wissensformen und der Notwendigkeit, stets sorgfältig zwischen Inklusivität und praktischer Umsetzbarkeit abzuwägen
Werkstattgespräch mit Milena Krieger, Stadt Dübendorf, Binod Koirala und Georgios Mavromatidis, Empa
Interview: Stefan Müller
Bilder © Yi-Chung Barton Chen, Empa
Im Rahmen des Forschungsprojekts untersuchen und gestalten die Stadt Dübendorf, die Glattwerk AG und die Empa gemeinsam mit dem Verein und den Bewohnenden des Quartiers Gfenn, wie eine nachhaltige und lokal abgestimmte Energiezukunft aussehen kann. Die Erkenntnisse aus dem Quartier fliessen in ein innovatives Energiemodell ein, das konkrete Wege zur Erreichung des Netto-Null-Ziels aufzeigen soll.
STEFAN MÜLLER: Welche Probleme und Fragestellungen der wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung adressiert das Projekt? Welche konkreten Wirkungen sollen für welche Anspruchsgruppen erzielt werden?
MILENA KRIEGER: Das Projekt Colouring Dübendorf zielt darauf ab, die Entwicklung einer nachhaltigen und gesellschaftlich akzeptierten Netto-Null-Transformationsstrategie für das Quartier Gfenn in Dübendorf zu unterstützen. Diese Transformation ist anspruchsvoll, da bestehende Planungsansätze häufig auf statischen, unvollständigen oder veralteten Daten zu Gebäuden und Energiesystemen basieren und gleichzeitig nur begrenzte Einblicke in Präferenzen, Investitionsentscheidungen und Teilnahmebarrieren auf Haushaltsebene bieten. Dadurch wird es erschwert, belastbare Dekarbonisierungspfade zu entwickeln und zukünftige Infrastrukturbedarfe auf Quartiersebene verlässlich abzuschätzen. Das Projekt schafft gezielte Wirkungen für zentrale Anspruchsgruppen in Dübendorf: Es unterstützt die Stadt bei der Entwicklung evidenzbasierter Strategien für die lokale Energiewende und bei der Bewertung verschiedener Transformationspfade zur Klimaneutralität. Die Glattwerk AG als lokales Energieversorgungsunternehmen erhält eine verbesserte Grundlage zur Abschätzung zukünftiger Technologieentwicklungen und daraus resultierender Veränderungen in der Energienachfrage, was die langfristige Infrastrukturplanung – etwa für Fernwärme- und Stromnetze – stärkt. Für die Bewohnenden sowie den Quartierverein Gfenn erhöht das Projekt die Transparenz über die Auswirkungen individueller und kollektiver Entscheidungen und stärkt ihre Möglichkeit, die energetische Zukunft des Quartiers aktiv mitzugestalten.

Das Projektteam bei der Generalversammlung des Quartiervereins Gfenn.
Warum kombiniert das Projekt Citizen-Science- und transdisziplinäre Ansätze zur Gestaltung dieser wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsforschung? Wie sieht diese Kombination konkret aus?
MILENA KRIEGER: Das Projekt kombiniert Citizen-Science- und transdisziplinäre Ansätze, da das für eine realistische und umsetzbare Transformation auf Quartiersebene erforderliche Wissen auf verschiedene Anspruchsgruppen verteilt ist. Die Bewohnenden verfügen über Informationen zu ihren Gebäuden, geplanten Renovierungen, Präferenzen und ihrer Bereitschaft, neue Energielösungen zu übernehmen, die in öffentlichen Datensätzen nicht vorhanden sind. Gleichzeitig bringen die Stadt Dübendorf und die Glattwerk AG entscheidendes Wissen zu Infrastruktur, regulatorischen Rahmenbedingungen und langfristigen Planungszielen ein. Im Rahmen des Citizen-Science-Ansatzes liefern die Bewohnenden des Quartiers Gfenn über die Plattform https://colouring-duebendorf.ch sowie im Rahmen von drei Quartieranlässen gebäudespezifische Informationen und Präferenzen. Der transdisziplinäre Ansatz zeigt sich in vier Anspruchsgruppen-Workshops, in denen Bewohnende, Forschende, Vertretende der Stadt sowie Expert:innen der Glattwerk AG gemeinsam Daten, Annahmen, Szenarien und Massnahmen diskutieren und evaluieren. Die Kombination dieser Ansätze stellt sicher, dass lokal relevantes Wissen systematisch in den Forschungsprozess integriert wird und gleichzeitig die Legitimität, die praktische Relevanz sowie die Umsetzbarkeit der entwickelten Netto-Null-Strategie erhöht werden.
«Das Projekt kombiniert Citizen-Science- und transdisziplinäre Ansätze, da das für eine realistische und umsetzbare Transformation auf Quartiersebene erforderliche Wissen auf verschiedene Anspruchsgruppen verteilt ist.»
- Milena Krieger, Stadt Dübendorf
Welche Stärken und Herausforderungen ergeben sich aus der Kombination von Citizen Science und transdisziplinären Ansätzen bei der Gestaltung wirkungsorientierter Nachhaltigkeitsforschung? Welche konkreten Erfahrungen wurden im Projekt gemacht?
BINOD KOIRALA: Eine zentrale Stärke liegt in der Integration komplementärer Wissensformen. Durch die Zusammenführung von Daten werden öffentliche Datensätze um das Wissen und die Präferenzen der Bewohnenden, die Daten der Energieversorgerin Glattwerk AG sowie die Expertise und Validierung durch weitere Anspruchsgruppen ergänzt. Dies führt zu einer deutlich genaueren und lokal verankerten Abbildung des Energiesystems im Quartier Gfenn sowie zu einem verbesserten Verständnis der Datenqualität. Zudem kann durch die Abfrage der Präferenzen der Bewohnenden zu Fragen der Energiewende ein besseres Verständnis für die künftigen Herausforderungen und Chancen erreicht werden. Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, eine ausreichende und gleichzeitig repräsentative Beteiligung in einem Prozess sicherzustellen, der auf die Entwicklung eines gesellschaftlich akzeptierten Netto-Null-Pfads für Gfenn abzielt. In der Praxis war die Beteiligung teilweise ungleich verteilt, wobei bestimmte Gruppen, wie Mietende, unterrepräsentiert waren. Dies kann die Abbildung unterschiedlicher Perspektiven einschränken und verdeutlicht die Schwierigkeit, vielfältige Sichtweisen so zu integrieren, dass sowohl Inklusivität als auch Umsetzbarkeit gewährleistet sind. Detailliertere, personenbezogene Informationen könnten das Verständnis von Entscheidungsprozessen zwar verbessern, werden jedoch durch Teilnahmebeschränkungen und Datenschutzanforderungen limitiert. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sorgfältig zwischen Inklusivität und praktischer Umsetzbarkeit abzuwägen.

Ein Überblick über die Umfrageantworten zeigt: Rund 40 Prozent der Befragten aus dem Quartier gaben an, dass ihre Angaben in den öffentlichen Datensätzen unvollständig oder veraltet sind.
Welche Änderungen der Rahmenbedingungen würden die genannten Stärken ausbauen und die Herausforderungen adressieren? Wo sollten Förderinstitutionen, Hochschulleitungen und die Wissenschaftspolitik ansetzen?
BINOD KOIRALA: Es braucht verbesserte Rahmenbedingungen für die Datenerhebung und den Datenaustausch auf Quartiersebene, insbesondere klarere Mechanismen für das datenschutzkonforme Teilen von Informationen sowie regelmässige Aktualisierungen von lokalen Energiedaten. Förderinstitutionen sollten Engagement-intensive und transdisziplinäre Forschung gezielter unterstützen, etwa durch spezifische Mittel für Anspruchsgruppen-Einbindung, Kommunikation und Plattformentwicklung. Dies sind zentrale Aspekte, die jedoch oft unzureichend finanziert werden. Investitionen in interoperable Dateninfrastrukturen sowie in Methoden, die das Wissen von Citizen Scientists systematisch in die Energieplanung integrieren, können die Wirkung solcher Forschungsansätze zusätzlich verstärken. Gleichzeitig sollten Hochschulen und Wissenschaftspolitik den Aufbau entsprechender Kompetenzen und den Wissenstransfer fördern, da trotz vorhandener methodologischer Ansätze weiterhin praktische Hürden bei deren Anwendung bestehen.
Über das Projekt
Laufzeit: 2024–2026
Finanzierung: Die Stadt Dübendorf finanziert das Projekt Colouring Dübendorf.